Von Bernadette Calonego
Begegnungen in Neufundland
Carolyn Lavers, Bäckerin und Bürgermeisterin
Wo immer ich im Westen Neufundlands hinging, sagte man mir: „Du musst unbedingt Carolyn Lavers treffen!“ So wird es auch der bekannten amerikanischen Autorin Annie Proulx gegangen sein, als sie auf der kanadischen Insel für ihr Buch „Schiffsmeldungen“ recherchierte, ein Bestseller, der später von Hollywood verfilmt wurde. Mehr als acht Stunden hätten sie während zwei Treffen miteinander gesprochen, erzählt mir Carolyn Lavers bei unserer ersten Begegnung. Annie Proulx wollte vor allem wissen, wie die Frauen in Neufundland wirklich seien.
In der gemütlichen Pension Valhalla Lod-ge bei L`Anse aux Meadows, in der nordwestlichsten Ecke der Provinz, wo vor rund 1000 Jahren die Wikinger mit Booten landeten, saßen die beiden Frauen damals zusammen und diskutierten. Daran kann sich auch die Pensionsinhaberin Bella Hodge noch erinnern. Mit ihrer Hilfe kaufte Annie Proulx in der Nähe zwei uralte Holzhäuser direkt am Strand, die sie liebevoll restaurieren ließ. Hier schrieb Proulx einen Teil ihres berühmten Buches. Später wurden die Häuschen verkauft, und heute können sie Touristen im Sommer mieten.
Als das Buch „Schiffsmeldungen“, das 1994 den Pulitzer-Preis für Belletristik erhielt, schließlich herauskam, fand Carolyn Lavers ihren Namen in der Danksagung der Autorin. „Annie Proulx hatte gehört, dass früher die Frauen in Neufundland unterdrückt waren“, erzählt Carolyn, während sie im Anchor Cafe in Port au Choix eine Muschelsuppe isst. „Sie hatte ein seltsames Bild von diesen Frauen aus Büchern erworben: unterdrückt, schwanger und barfuß in der Küche. Das musste ich aber ganz schnell richtigstellen.“
Wenn man Carolyn Lavers vor sich hat, erscheint einem die Idee von unterdrückten Frauen in Neufundland tatsächlich fremd. Sie ist Bürgermeisterin der Hafensiedlung Port au Choix an der Westküste. Und wie viele Neufundländer hat sie mehrere Jobs gleichzeitig. Als Regierungsbeamtin ist sie zuständig für die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung in der Region. Daneben führt sie ihre eigene Bäckerei und verkauft Brot an den Großhandel. Während unseres Gesprächs verschwindet sie zweimal in ihr Geschäft um die Ecke, um einen Blick auf die Brote im Ofen zu werfen. „Das klappt doch alles wunderbar“, sagt sie, als sie sich wieder atemlos an den Tisch setzt.
Später fährt sie mich zu einem nachgebauten alten Steinofen, wie ihn baskische Fischer im 17. und 18. Jahrhundert im Freien benutzt hatten und in dem bei besonderen Anlässen auch heute noch Brötchen gebacken werden. Überreste solcher alter Öfen wurden in den vergangenen zwanzig Jahren an der Küste gefunden. Viele Menschen in Port au Choix hätten französische Vorfahren, sagt Carolyn: „Es waren junge Burschen, die von den Schiffen desertierten und hierblieben.“ Die Neufundländerin schüttelt den Kopf. „Das ist doch verständlich, das die sowas gemacht haben. Das war bestimmt kein schönes Leben auf diesen Schiffen.“
Auch Carolyn ist einst in ihrem Leben desertiert: Nach ihrem Biologie-Studium in Neufundlands Hauptstadt St. John`s arbeitete sie als Frisöse und zog als junge Frau nach Toronto, wo sie Managerin in der Schönheitsindustrie wurde. Aber das Heimweh, der Lärm und Gestank in Toronto trieben sie nach einigen Jahren nach Port au Choix zurück. Dort besaß ihr Vater ein Fischereiunternehmen. Im Jahr 1993 verhängte die kanadische Regierung auch an der Westküste Neufundlands ein Fangverbot für Kabeljau, der durch Überfischung fast ausgerottet worden war. Das war das Ende der Fischer-Karriere vieler Neufundländer.
Die jungen Leute zogen in Provinzen wie Ontario oder Alberta, um Arbeit zu finden. Früher hatte Port au Choix 1200 Einwohner, heute nur noch 900. „Es gibt auch nicht mehr soviel Nachwuchs“, erklärt Carolyn. Ihre Mutter gebar noch sieben Kinder, „und das war damals wenig im Vergleich zu den zehn bis 14 Kindern, die viele Familien hatten.“ Während der Exodus der Neufundländer anhält, reisen immer mehr Touristen nach Port au Choix.
Carolyn zeigt mir warum. Sie führt mich zu den interessantesten Ausgrabungsstätten in Kanada. In der Gegend von Port au Choix lebten bereits vor 4500 Jahren Menschen. Das Klima war damals wärmer als heute. Im Herbst 1967 entdeckte ein Einheimischer beim Graben eines Kellers menschliche Knochen und Relikte. Es stellte sich heraus, dass es sich um einen Teil indianischer Grabstätten mit insgesamt über hundert Skeletten handelte. Jäger und Sammlerinnen, die vor 4500 Jahren von Labrador nach Neufundland eingwandert waren, begruben hier während über tausend Jahren ihre Toten. Es ist der reichhaltigste und am besten konservierte Friedhof aus dieser Zeit. In den Gräbern fand man Werkzeuge, Waffen, Amulette, Kämme, Nadeln, Tierknochen und auffallende Steine.
Vor 2800 Jahren, als das Klima kälter wurde, erschienen prähistorische Eskimos vor Port au Choix, die an der Küste fischten und Robben jagten. Ihre Harpunen und Speerspitzen, Netzbeschwerer und Robbenknochen sind im äußerst interessanten Museum von Parks Canada in Port au Choix ausgestellt. Die ausgegrabenen Fundamente der letzten 50 Behausungen dieser Eskimos kann man heute immer noch sehen. Walrippen bildeten das Gerüst ihrer Häuser, Robbenhäute wurden darüber gehängt.
Vor rund 2000 Jahren schließlich lebten wieder Indianer in der Gegend. Eine ihrer Kochstellen wurde ausgegraben.
Carolyn hat keine Zeit, mit mir auf dem Pfad zu den Ausgrabungsstätten von Phillip`s Garden auf einer unverbauten Halbinsel zu wandern. Im Sommer findet man dort die Archäologen bei ihrer Arbeit.
Aber abends lädt sie mich zum Essen ein.
„Sie müssen unbedingt die Fish Cakes probieren“, sagt sie. Ach ja, das wollte ich sie unbedingt noch fragen: Wie war das mit den angeblich unterdrückten Frauen in Neufundland? „Von wegen unterdrückt“, sagt Carolyn, „das waren ganz starke Frauen. Sie salzten den Kabeljau ein und trockneten ihn, was extrem wichtig war. Sie fällten nicht nur im Haus die Entscheidungen, sondern waren auch in den Gemeinden engagiert. Sie planten für die Zukunft, und die Kirchen wurden von Frauen geleitet.“
Als Carolyn Lavers die „Schiffsmeldungen“ las, war sie zufrieden, dass ihre Worte bei Annie Proulx Nachhall gefunden hatten. „Es ist ihr wirklich gelungen, die Charaktere einzufangen“, sagt sie. „Sie hat gute Arbeit geleistet.“
Was man nach diesem Resultat auch von der Neufundländerin Carolyn Lavers sagen kann.
Informationen:
Email von Carolyn Lavers: CLavers@gov.nl.ca
Ausgrabungsstätte und Museum in Port au Choix: http://www.pc.gc.ca/lhn-nhs/nl/portauchoix/index.aspx
Unterkunft in Port au Choix:
Jeannie`s Sunrise Bed and Breakfast, vier Zimmer und ein hübsches Cottage,
sehr freundliche Gastgeberin.
www.jeanniessunrisebb.com
Tel. 001 709 861 22 54
Oder 001 709 861 77 69
Unterkunft nahe L`Anse aux Meadows:
Valhalla Lodge Bed and Breakfast
und ehemalige Chalets von Annie Proulx:
www.valhalla-lodge.com
Besitzerin Bella Hodge
Tel. 001 709 754 31 05 oder 001 707 623 20 18.
Marilyn`s Hospitality Home
Tel. 001 709 623 28 11
www.bbcanada.com/1466.html
Sue Rendell, Wander- und Wintertouren-Leiterin
Es ist nicht leicht, Sue Rendell die Schau zu stehlen. Normalerweise hängen die Touristen, die hinter Sues stelzen-langen Beinen den Gros Morne Nationalpark erwandern, gebannt an ihren Lippen. Aber an diesem schönen Sommerabend werden die am Strand sitzenden Wanderer abgelenkt. Jedesmal, wenn Sue unserer Gruppe die Bergtouren der kommenden Woche beschreiben will, hallt ein lautes Schnauben über die Bucht von Bonne Bay.
Ein Nördlicher Minkwal (Zwergwal) zieht seine Runden im Ozean bei Norris Point an der Westküste Neufundlands. Auf der Terrasse von Sues Outdoor-Firma Gros Morne Adventures sehen wir dem Fische jagenden Wal gebannt zu. Am Horizont leuchten die flachen rötlichen Tafelberge des Nationalparks in der Abendsonne. Sie sehen aus, als hätte man sie mit einem Messer schnurgerade abgeschnitten. Sue versucht gar nicht, gegen das Wal-Spektakel und die begeisterten Rufe ihrer Kunden anzureden. Sie lächelt nur verschmitzt, ein Lächeln, das wir bei ihr noch oft sehen werden. „Wir haben den Wal natürlich nur wegen euch hierher geholt“, sagt sie.
Später erzählt sie eine ihrer spannenden Geschichten. Im Juli schlief ein Pottwal in der Bucht von Bonne Bay nahe der Oberfläche, sein riesiger Körper, der 18 Meter lang und 20 Tonnen schwer sein kann, bewegte sich mit dem Atem auf und ab. Da ein Pottwal in der Gegend äußerst selten gesehen wird, paddelte Cathlene, eine von Sues Mitarbeiterinnen, mit dem Kajak hinaus, um ihn von nahe zu beobachten. Wir Zuhörer rollen die Augen. Ist das nicht gefährlich? „I wo“, sagt Sue, „ich habe noch nie gehört, dass ein Wal in Neufundland ein Boot gekentert hätte.“
Man glaubt ihr aufs Wort. Im Gros Morne Nationalpark, einem Weltnaturerbe der UNESCO, kennt sie jeden Stein. Oder besser gesagt, jedes Gestein, denn das ist, was Gros Morne für Geologen (aber natürlich auch für normale Wanderer) zu einer Sensation macht, zu der sie wie zum Heiligen Gral pilgern. In diesem Gelände kann man Gesteinsschichten betreten, die sich normalwerweise weit unter dem Ozeangrund befinden. Hier aber, in Gros Morne, wurden sie vor Millionen von Jahren durch die Verschiebung von tektonischen Platten an die Oberfläche der Erde gehievt. Das ist nur an wenigen Orten in der Welt passiert und nur in Gros Morne so leicht zugänglich.
Obwohl Sue Rendell und ihr Mann Bob schon seit zwanzig Jahren mit Touristen in diesem 1800 Quadratkilometer großen Nationalpark wandern, wirken sie immer noch völlig begeistert von den großen Naturphänomenen um sie herum. Und von den kleinen auch. Auf einer Wanderung gießt Sue ein Rinnsal aus ihrem Wasserbeutel über ein graues trockenes Moos namens Greywool Moss, das nun plötzlich ganz hellgrün wird. Sie erzählt uns auch, wie die fleischfressende Pitcher Plant, Neufundlands Nationalpflanze, in ihren Kelchen Insekten fängt und sich davon ernährt. Sie kennt die Anzahl Elche in Gros Morne (über siebentausend) und das Jahr, als der erste Kojote nach Neufundland einwanderte (1985).
Sue ist sich auch nicht zuschade, für ihre Wanderer das legendäre Curry-Apfel-Thon-Sandwich zuzubereiten, wenn Köchin Christine ihren freien Tag hat (Rezept siehe unten). Die ehemalige Sportlehrerin hatte das Kajak- und Wanderunternehmen Gros Morne Adventures zusammen mit ihrem Mann Bob vor 20 Jahren gegründet. Aber damals waren die Touristen noch rar in Neufundland. „Es dauerte acht Jahre, bevor wir daran denken konnten, uns einen Lohn zu bezahlen“, erzählt sie im „Seaside Restaurant“ im Fischerdorf Trout River, das neben Kabeljau-Zungen auch gegrillten Hai auf der Speisekarte hat. Mit ihrer Firma hält es Sue wie mit dem Wandern: „Wenn man Ausdauer zeigt, dann erreicht man irgendwann sein Ziel.“
Sues Vater arbeitete einst als Flugzeugtechniker in der Stadt Gander, auf einer der fünf ehemaligen US-Militärbasen in Neufundland. Ihre Großtante heiratete wie rund 40000 andere Frauen aus Neufundland einen amerikanischen Soldaten.
Sue fand ihren Mann Bob als Mitglied einer Skipatrouille, der sie angehörte. Bob führt am liebsten die anspruchsvolle Mehrtages-Tour durch die Long Range Mountains, den nördlichsten Ausläufer der Appalachen. Sue ist temperamentvoll, leutselig und kümmert sich um kleinste Details: etwa wie man eine schmerzhafte Blase an der Ferse richtig mit Polstern schützt oder welches Plätzchen sich als improvisiertes Klo eignet. Sie organisiert für uns auch kurzfristig Eintrittskarten für die Kultband „Hey Rosetta!“ aus Neufundlands Hauptstadt St. John`s, die im Dörfchen Woody Point auf der anderen Seite der Bonne Bay auftritt. In Woody Point findet auch jedes Jahr im August ein Autoren-Festival mit bekannten Namen statt.
Und natürlich macht Sue es möglich, dass wir echt neufundländische Musik hören – und noch echteren Newfie-Humor. Im Ocean View Hotel in Rocky Harbour singt die Gruppe „Anchors Aweigh”, die auch viele Anekdoten und Witze zum Besten gibt. „Bei uns fühlen sich die Leute zuhause“, ruft der Sänger Wayne Parsons. „Wir haben zwar keinen Starbucks, aber in Neufundland kann man einfach in ein Haus spazieren, den Kühlschrank öffnen und sich selber ein Sandwich machen.“ Das Publikum gröhlt vor Lachen.
Dann ruft er: „Sue Rendell ist heute abend hier!“ und zeigt zu den hinteren Zuschauerreihen. Die Einheimischen, für die Sue eine beliebte Größe ist, geben ihr einen Ehrenapplaus. Es ist wirklich nicht leicht, ihr die Show zu stehlen.
Informationen:
Gros Morne Adventures, Norris Point, Neufundland
www.grosmorneadventures.com, E-Mail: info@grosmorneadventures.com
Tel. 001 709 458 27 22
Rezept für das legendäre Thon-Apfel-Curry-Sandwich „Magic Tuna“:
1 Dose Thon in Wasser
1 in kleine Stücke geschnittener Apfel
¾ Teelöffel Curry-Pulver
Mayonnaise nach Belieben darunter mischen
Unterkunft in Norris Point:
Terry`s Bed and Breakfast,
Tel. 001 709 458 23 73 (Terry nimmt keine Kreditkarten).
Zu empfehlen ist das “Green Cottage” mit zwei Schlafzimmern und Blick auf die Tafelberge.
Nationales Autoren-Festival in Woody Point:
www.writersatwoodypoint.com
Bettina Lori, Hotelbesitzerin und Katastrophenhunde-Führerin
Wenn Bettina Lori über ihre Entscheidung spricht, nach Neufundland zu ziehen, klingt es immer noch so, als sei damals eine Naturgewalt über sie und ihren Mann Herbert hereingebrochen: „Es ist uns einfach passiert“, sagt sie im Dialekt des Schweizer Kantons Graubünden, aus dem sie ursprünglich stammt. Sie führt gerade ihre beiden Hunde laufen, nachdem sie im eigenen Hotel das Essen fürs Personal gekocht hat. Auch nachher am Empfang trägt sie Bergsteiger-Sandalen und eine Freizeithose, denn hier in Neufundland gibt man sich locker.
Manchmal schlägt das Schicksal so kräftig zu, dass man sich einfach fügen muss. Das passierte Bettina, einer Ex-Lehrerin und Ex-Journalistin, als sie mit Herbert im Sommer 1994 nach Neufundland reiste. Beide verliebten sich sogleich in die atemberaubend schöne Landschaft, die von überaus freundlichen Menschen bewohnt wird. Heute ist Bettina Mit-Besitzerin eines preisgekrönten Hotels namens Neddies Harbour Inn in Norris Point, eine Autostunde von Flughafen Deer Lake entfernt. 2007 hatten sie und Herbert, ein ehemaliger Polizist aus Zürich, das gemütliche Haus für gehobene Ansprüche eröffnet. Ein Unterfangen, das Bettina auch heute noch im Spaß als verrückt bezeichnet. „Wir wollten damals gar nicht weg aus der Schweiz, aber wir wollten einfach hier sein“, erzählt sie im sonnendurchfluteten Aufenthaltsraum ihres Hotels, in dem sie – unkonventionell und praktisch, wie sie ist - in vielen Töpfen Kräuter für die qualitätsbewusste Hotelküche zieht. Mit schweizerischer Vorsicht testete sie das Vorhaben gründlich: Sie fuhr in Begleitung von Herbert nochmals im Winter hin. Nach den ersten Schneestürmen fragten die Leute in Norris Point: „Na, gefällt es euch immer noch?“ Aber Schnee schreckte die beiden nicht. Bettina hatte Herbert bei der Ausbildung von Katastrophen-Hunden in der Schweiz kennengelernt.
Es gefiel ihnen in Norris Point so gut, dass sie sich ein Grundstück zeigen ließen. Bettina erinnert sich noch gut, wie sie den Landbesitzer trafen und sich auf Schneemobile setzen mussten, um zum Standort zu gelangen. „Wenn ich im tiefen Schnee einsank, stießen meine Stiefel auf die Spitzen von kleinen Tannen“, erzählt sie lachend.
Zuerst führten Bettina und Herbert Wanderreisen an der Westküste Neufundlands durch. Aber ihr Traum war ein Hotel, das vor allem Europäern zusagen würde. Sie hatten Glück: Mitten im Gros Morne Nationalpark, einem UNESCO-Weltnaturerbe, wo es nur wenig privates Land gibt, fanden sie ihr kleines Paradies. Die Besitzer eines Alters- und Pflegeheims verkauften ihr Anwesen mit Aussicht auf den Ozean und die plattgedrückten Tafelberge, die eher an kahle Wüstengebirge als an Neufundland denken lassen.
Drei Jahre lang ließen Bettina und Herbert die Gebäude renovieren, einen Teil abreißen und wieder neu aufbauen. „Wir wollten ein umweltfreundliches Hotel“, sagt Bettina, „aber wir mussten Kompromisse machen. Sonnenenergie wäre zum Beispiel zu teuer gewesen.“ Wenn immer möglich, bezogen sie die Baumaterialien aus der Umgebung. Die Böden der Neddies Harbour Inn sind aus neufundländischem Birkenholz. Möbel, Bettwäsche und Tischtücher wurden in der Nähe gefertigt.
Auch in der Küche will Bettina möglichst örtliche Produkte: „Wir haben immer frischen Fisch, deshalb kann ich am Morgen jeweils noch nicht sagen, was die Fischer an diesem Tag hereinbringen werden.“ Neddies Harbour Inn zieht heute Touristen aus Kanada und aus aller Welt an. Bettina kann sich mit ihnen auf Deutsch, Englisch, Italienisch, Schwyzerdütsch, Romanisch und Französisch unterhalten. Auch kanadische Parlamentarier aus Ottawa verbrachten in ihrem Boutique-Hotel schon den Urlaub. Und vor zwei Jahren beherbergte sie eine Woche lang Kanadas schönstes Paar, den Sohn des legendären Ex-Premierministers Pierre Trudeau, den Abgeordneten Justin Trudeau, und seine Frau Sophie Gregoire. Im Winter des vergangenen Jahres erhielt Neddies Harbour Inn die Auszeichnung „Accommodator of the Year“ (Unterkunft des Jahres) von der Tourismusorganisation Hospitality Newfoundland/Labrador.
In Norris Point, wo sie als Einwanderer aus der Schweiz sofort herzliche Aufnahme fanden, wollen sie nicht mehr weg. „Wir waren von Anfang an willkommen und integriert“, sagt Bettina. An Weihnachten und Neujahr sind sie so häufig eingeladen, dass sie selbst kaum noch Zeit finden, ihrerseits Gäste zu bewirten.
Im Winter, wenn das Hotel geschlossen ist, kümmert sich Bettina um die Ausbildung von Lawinen- und Suchhunden. Zusammen mit Herbert hat sie dazu eigens eine Gruppe von Hundeführern aufgebaut. Mit ihrem Golden Retriever aus Kanada und der Labradorhündin aus der Schweiz ist sie bereit, auf die Suche von Vermissten in Bergen und Wäldern zu gehen. „Gerade hier im Gros Morne Nationalpark ist das wichtig, da immer mehr Menschen auch im Winter Touren machen“, sagt sie.
Sie weiss jetzt, wie gewaltig Schneestürme in Neufundland sind. Aber Naturgewalten, das hat Bettina am eige-nen Leib erfahren, können auch ihr Gutes haben. Vor allem wenn man durch sie an einen Ort verschlagen wird, an dem man für immer bleiben will.
Informationen:
Neddies Harbour Inn, Norris Point, Neu-fundland (Zimmer und vier Chalets)
www.the inn.ca
Tel. 001 709 458 30 89
E-Mail: stay@theinn.ca
Für junge Leute, die Englisch lernen möchten, ist in Neddies Harbour Inn
im Sommer ein unbezahltes Praktikum möglich. Essen und Unterkunft gratis.
Von Barb, Baronen und nervösen Bären
Barb Genge, Inhaberin der Tuckamore Lodge im Norden von Neufundland, wedelt mit durchsichtigen Plastikbeuteln. Sie will darin nicht etwa Stücke des leckeren Gewürz- und Rosinenkuchens verpacken, den ihre Köchin Peggy zum Nachtisch gebacken hat. Diese Beutel dienen einem ganz anderen, eher kuriosen Zweck. Zum Jagdführer Keith Fitzpatrick, der mit einem Gast zur Pirsch aufbricht, sagt sie, dass er und sein Kunde nicht auf den Waldboden, sondern in diese Beutel reinpinkeln soll. „Wenn Männer draußen in der Wildnis pinkeln, bleiben die Schwarzbären weg“, sagt sie so locker, als würde die 63jährige Hotelwirtin über ein Kunstwerk in der Stube der Lodge sprechen.
Ich will natürlich wissen, warum genau die Bären wegbleiben. „Wenn die Menschen ihr Territorium markieren, macht das die Schwarzbären nervös“, sagt sie. „Sie sind einige Tage scheu, bis sie sich an den Geruch gewöhnt haben. In dieser Hin-sicht verhalten sich Bären ähnlich wie Hunde.“ Es ist Barbs unkomplizierter Stil, der einen Aufenthalt in der Tuckamore Lodge so bemerkenswert macht. Ich sitze an diesem Herbsttag als einzige Frau mit acht Hobbyjägern und drei Jagdführern an einem der Gemeinschaftstische in ihrer Lodge. Alle essen das gleiche Gericht: Shepherd`s Pie. Wären britische Adlige, in Barbs Worten „Lords und Ladies“, oder andere erlauchte Gäste ange-reist, wie es immer wieder vorkommt, würde Barb sie ebenfalls an einen der großen Tische setzen. Neben mir tafelt ein deutscher Baron, der in der Umgebung der Lodge auf Karibu-Jagd gegangen war. Er erlegte tatsächlich eines und kann nun den Rest seines Aufenthalts ent-spannt genießen. Die Karibu-Jagd ist mit rund 4300 Euro das teuerste Paket der Tuckamore-Lodge, Jagdführer, Unterkunft, Essen und Transport zum Flughafen inbe-griffen. „Es ist etwas teurer, weil hier der einzige Ort ist, wo man das nordamerikanische Woodland-Karibu jagen darf“, sagt Barb.
Für die Elchjagd muss man zwischen 3300 und 4600 Euro aufwenden. Die Bärenjagd kostet rund 1900 Euro.
In Neufundland muss jeder ausländische Jäger einen Jagdführer mitnehmen. Barb Genge hat früher selbst Gäste auf die Jagd und zum Fischen geführt, „aber heute bin ich zu beschäftigt.“ Das kann ich bezeugen, denn immer, wenn ich wieder eine Episode ihrer interessanten Biografie erfahren will, springt sie nach kurzer Zeit mit dem Ruf auf: „Ich muss schnell los!“ Die Gäste ihrer Lodge, die im Blockhütten-Stil mit weißer Zeder aus Nova Scotia gebaut ist, holt sie jeweils vom Flughafen St. Anthony ab. Es ist ein weiter Weg auf die Northern Penninsula, aber der Ruf der Tuckamore Lodge ist bis nach Europa gelangt.
Jäger und Fischer, aber auch Wanderer werden wie magisch von der wilden zer-klüfteten Natur an diesem einsamen Ort angezogen. Die Lodge befindet sich an einem kleinen See, dem Belvy Pond. Lachse finden ihren Weg vom Atlantik in dieses Gewässer, wo sich auch verschiedene Forellenarten tummeln. Vogelbeobachter streifen durch die weiten, von Dickicht bewachsenen Ebenen, und im Sommer finden Naturliebhaber Ruhe und Gemütlichkeit.
„Als Kind war ich ständig beim Angeln“, erzählt Barb. „Ich bin auch furchtbar gern im Wald, ich liebe den Geruch des Bodens und der Bäume.“ Im Winter bietet die Tuckamore Lodge Touren auf Schneemobilen an. „Die Gäste können hier wieder wie Kinder sein“, sagt sie.
Die Behörden haben es ihr wirklich nicht leicht gemacht, als sie sich als Frau im Jagdtourismus behaupten wollte. Aber Barb ist nicht jemand, der leicht aufgibt. In jungen Jahren arbeitete sie für die wirtschaftliche Entwicklung der Region und lernte dadurch viele Fischer kennen. Über ihren damaligen Ehemann, einen Buschpiloten, kam sie in Kontakt mit ausländischen Touristen, die in ihrem Haus Fremdenzimmer belegten.
Immer wieder sagten Leute zu ihr: „Bau doch eine Lodge“, was sie und ihr Mann dann 1987 auch taten. Die Ehe zerbrach aber ein Jahr später, und alle nahmen an, dass Barbe die Lodge nun verkaufen würde. Weit gefehlt: Sie blieb, und 1995 erweiterte sie das alte Gebäude mit einer neuen Lodge. Barb hat sie innen so eingerichtet, wie ich mir eine Lodge vorstelle: mit Eisbärenfell hoch oben unter dem Giebeldach, wo es niemand klauen kann. Mit einer Deckenbeleuchtung, versteckt hinter einer Skulptur aus Elchgeweihen. Mit Gemälden von stolzen Indianern an der Wand und Inuit-Schnitzereien auf dem Kaminsims.
Durch die hohen Fenster im Wohnraum dringt helles Licht. Die Tuckamore Lodge ist das ganze Jahr über offen, und Sohn Justin hilft Barb, den Betrieb zu führen. Aber das heißt nicht, dass die rührige Neufundländerin weniger arbeiten will. Sie hat die Firma Main Brook Waterworks gegründet, um Wasser aus den Eisbergen zu gewinnen, die an der Küste Neufundlands vorbeisegeln. Das will sie bald in Europa verkaufen. Sie sitzt in ihrem Büro, eine schwarze Katze streift ihr um die Beine, und sie zeigt mir eine elegante Flasche mit Frost-Effekt, die sie entworfen hat.
„Naeve“ hat sie das Produkt getauft.
Ich habe keine Zweifel, dass ihr auch dieses Unterfangen gelingen wird.
Übrigens, wer will, kriegt auch einen der fantastischen Kuchen von Köchin Peggy Mitchelmore verpackt – ja, in einem Plastikbeutel.
Navigation
www.tuckamorelodge.com
Barb Genge
P.O. Box 100
Main Brook, Newfoundland, A0K 3N0, Canada
Toll Free Number: 1-888-865-6361, Tel: (709) 865-6361, Fax: (709) 865-2112
Foto: Copyright Bernadette Calonego





